Das Festival

Ein Festival der Orte

Das Festival ist in die Hellwegregion fest eingebunden und aus ihr heraus entwickelt worden. Hier verbinden sich Regionalität und Internationalität. Literatur findet im Raum statt. Ein Charakteristikum von "Mord am Hellweg" sind entsprechend die besonderen Veranstaltungsorte, die die Festivalleitung immer wieder bewusst für Veranstaltungen auswählt. Nicht selten spiegeln diese die Besonderheiten und Entwicklungen der Hellwegregion wider.

Ehemalige Industriebauten und Bergwerke wurden in den vergangenen Jahren zu Veranstaltungsräumen umgebaut und haben dadurch ihren Platz als Ort für kulturelle Veranstaltungen in der lokalen und überregionalen Wahrnehmung gefunden. Was vor ein paar Jahren noch der Öffentlichkeit vorenthalten blieb, barg nun hochkarätige Krimilesungen. Behutsam umgebaut, restauriert und mit den Annehmlichkeiten heutiger Eventarchitektur ausgestattet, gelingt es diesen steinernen und stählernen Zeugen der Arbeit, den spröden Reiz der Industriearchitektur auch in heutiger Zeit erfahrbar zu machen. Lesungen in der Henrichshütte in Hattingen, im Kraftwerk Relax in Wickede oder im Förderturm der Zeche Königsborn III/IV in Bönen und nicht zuletzt in der Rohrmeisterei in Schwerte waren und sind hierfür beste Beispiele. Klassische bibliophile Orte sind aber natürlich auch mit im Programm. Je weniger jedoch ein Ort für die Öffentlichkeit zugänglich ist, desto größer ist seine Außergewöhnlichkeit. Orte, zu denen man unter normalen Umständen keinen Zutritt hat, erweisen sich als Publikumsmagneten.

Vielfach repräsentiert der Veranstaltungsort auch die thematische Ausrichtung der Veranstaltungen. 2018 war beispielsweise Margarete von Schwarzkopf mit ihrem Krimi „Schattenhöhle“ in der Dechenhöhle in Iserlohn zu Gast. In den Lokschuppen in Ahlen lockten Alex Beer, Kerstin Ehmer und Christof Weigold. Bei einer großen Kriminacht lasen die drei aus ihren Krimis, die allesamt in den 20er Jahren spielen. Und in einer Zahnarztpraxis in Wickede bohrte Isabella Archan in einer szenischen Lesung nach einem Mörder.

Den Raum zur Literatur werden zu lassen ist ein Charakteristikum des Projektes. Dafür steht auch die erfolgreiche Krimianthologie, die begleitend zum Festival herausgegeben wird. Seit der ersten Ausgabe 2002 machen sich namhafte Autor*innen der deutschen und europäischen Krimiszene als literarische "Auftragskiller" ans Werk und schreiben eine Geschichte für den "Mord am Hellweg"-Krimiband, in dem Krimistories versammelt sind, die in den Orten spielen, in denen das Festival stattfindet.

Das Ergebnis wird auch beim zehnten Band 2020 sein: Kurzkrimis, bei denen auch die geographische Komponente neben dem kriminellen Plot ins Auge sticht. Die Verkaufszahlen zeigen, dass die Autor*innen mit den Geschichten stets den Geschmack des Publikums treffen. Die Anthologiebeiträge sind so dicht an der regionalen Wirklichkeit, mit Kneipen, Läden, Plätzen und Straßen angesiedelt, dass der Leser diese Raum- und Mentalitätssignale wiedererkennt, sich orientiert und sie identifiziert. Die Wiedererkennung des eigenen Lebensumfeldes stellt für zahlreiche Leser den größten Leseanreiz dar, da zur gelungenen Suggestion von Realität eine möglichst detailgetreue Beschreibung von Schauplätzen gehört. Raum bedingt den Menschen, aber er ist auch Ausdruck der sich in ihm Bewegenden; über die Darstellung eines Ortes, einer Landschaft kann der*die Autor*in im Idealfall die Lebensbeziehungen seiner Figuren veranschaulichen. Im Gegensatz zu differenzierten Orts- und Milieubeschreibungen benennen viele Autor*innen lediglich Straßennamen, Läden oder andere lokale Spezifika und lassen den Raum so zur Kulisse werden. Dieses sogenannte "name-dropping" setzt jedoch das Vorhandensein von eindeutig belegten Raumvorstellungen in der Leserschaft voraus. Fällt ein bestimmter Name, so wird bei der Leserschaft ebendiese Assoziation freigesetzt. Es ist daher von großer Bedeutung, dass sich die engagierten Autor*innen intensiv mit dem Raum, seiner Geschichte und der daraus resultierenden regionalen Kleinteiligkeit beschäftigen - zweifellos eine Herausforderung, von der jedoch die Qualität der Beiträge entscheidend abhängt.

"Mord am Hellweg" hat eine literarische Regionalisierung in Gang gesetzt. Die an den bisherigen neun Festivals beteiligten Orte werden mittlerweile als "mörderischster Streifen Deutschlands" bezeichnet. Sie haben so einen "neuen" Hellweg regionalisiert und den Grundstein für ein verändertes, ein "kriminelles" Image der Region gelegt. Die Region hat längst einen hervorragenden, wenn nicht sogar den ersten Platz auf der europäischen Krimilandkarte gefunden. 2020 soll dieser Anspruch mit der großen Jubiläumsausgabe noch einmal unterstrichen werden.