Ein Festival des Raumes

Mord am Hellweg und die Orte


yellow markerOhne Orte wäre "Mord am Hellweg" undenkbar. Zahlreiche Veranstaltungen bringen auch in diesem Jahr wieder Krimis und ihre Schöpfer in die Hellwegregion; namhafte deutsche Krimiautorinnen und -autoren schufen literarisch den "mörderischsten Streifen Deutschlands".


"Mord am Hellweg" ist auch in der fünften Auflage ein Festival des Raumes. Literatur findet im Raum statt. Ganz bewusst gehen die Festivalmacher mit den Veranstaltungen an besondere Orte:

 

Ehemalige Industriebauten und Bergwerke wurden in den letzten Jahren zu Veranstaltungsräumen umgebaut und haben dadurch ihren Platz als Ort für kulturelle Veranstaltungen in der lokalen und überregionalen Wahrnehmung gefunden. Was vor ein paar Jahren noch der Öffentlichkeit vorenthalten blieb, barg nun hochkarätige Krimilesungen. Behutsam umgebaut, restauriert und mit den Annehmlichkeiten heutiger Eventarchitektur ausgestattet, gelingt es diesen steinernen und stählernen Zeugen der Arbeit, den spröden Reiz der Industriearchitektur auch in heutiger Zeit erfahrbar zu machen. Lesungen in der Henrichshütte in Hattingen, im Kraftwerk Relax in Wickede oder im Förderturm der Zeche Königsborn III/IV in Bönen, nicht zuletzt die Rohrmeisterei in Schwerte waren und sind hierfür beste Beispiele. Klassische bibliophile Orte sind ab und zu natürlich auch mit im Programm.

thumb_determannteichpavillion.jpgJe weniger jedoch ein Ort für die Öffentlichkeit zugänglich ist, desto größer ist seine Außergewöhnlichkeit. Orte, zu denen man unter normalen Umständen keinen Zutritt hat, erweisen sich als Publikumsmagneten. So waren und sind etwa die Lesungen in der Justizvollzugsanstalt in Werl in der Regel binnen kürzester Zeit ausverkauft. Wann kommt man schon einmal ins Gefängnis? Und nach gut zwei Stunden auch wieder heraus? Vielfach repräsentiert der Veranstaltungsort auch die thematische Ausrichtung der Veranstaltungen. 2010 fand beispielsweise die deutsch-polnische Kriminacht mit überwiegend polnischen Mitwirkenden in dem polnischen Restaurant "Gdanska" in Oberhausen statt. Leonie Swann, die mit ihren Schafskrimis für Furore sorgt, stellte 2010 ihren neuen Krimi in einer Scheune auf Gut Kump in Hamm vor. Eine Veranstaltung (auch) zum politischen Krimi unter dem Titel "Bauern, Banker, Global Players - Mordgeschichten zwischen Hofidylle und Big Business" ließ sich im Herbst 2008 am besten mit vielen literarischen wie politischen Gästen dort inszenieren, wo gleichzeitig Bauer und Politiker zuhause sind: auf dem Bauernhof des NRW-Umweltministers Uhlenberg direkt am Büdericher Hellweg in Werl. 2006 vermittelte etwa die Lesung im Zelt am Römerlager in Bergkamen nicht zuletzt durch das regnerischkalte Wetter am Veranstaltungstag einen Eindruck davon, wie sich die Protagonisten des Römerkrimis "Das Geheimnis des Mithras-Tempels" von Hagemann & Stitz im fernen Germanien gefühlt haben müssen.

Den Raum zur Literatur werden zu lassen ist ein Charakteristikum des Projektes. Seit fünf Festivalausgaben machen sich namhafte Autorinnen und Autoren der deutschen und europäischen Krimiszene als "Auftragsmörder" ans Werk und schreiben eine Geschichte für die Festival-Anthologie.
Das Ergebnis wird auch bei der "Mord am Hellweg"-Anthologie 2012 sein: Kurzkrimis, die sich durchaus auch als Stadtporträts lesen lassen, bei denen jedoch auch die geographische Komponente neben dem kriminellen Plot ins Auge sticht. Die Verkaufszahlen zeigen, dass die Autoren mit den Geschichten stets den Geschmack des Publikums treffen. Die Anthologiebeiträge sind so dicht an der regionalen Wirklichkeit, mit Kneipen, Läden, Plätzen und Straßen angesiedelt, dass der Leser diese Raum- und Mentalitätssignale wiedererkennt, sich orientiert und sie identifiziert. Die Wiedererkennung des eigenen Lebensumfeldes stellt für zahlreiche Leser den größten Leseanreiz dar, da zur gelungenen Suggestion von Realität eine möglichst detailgetreue Beschreibung von Schauplätzen gehört. Raum bedingt den Menschen, aber er ist auch Ausdruck der sich in ihm Bewegenden; über die Darstellung eines Raumes kann der Autor im Idealfall die Lebensbeziehungen seiner Figuren veranschaulichen. Im Gegensatz zu differenzierten Orts- und Milieubeschreibungen benennen viele Autoren lediglich Straßennamen, Läden oder andere lokale Spezifika und lassen den Raum so zur Kulisse werden. Dieses sogenannte "name-dropping" setzt jedoch das Vorhandensein von eindeutig belegten Raumvorstellungen in der Leserschaft voraus. Fällt ein bestimmter Name, so wird bei der Leserschaft ebendiese Assoziation freigesetzt. Es ist daher von großer Bedeutung, dass sich die engagierten Autoren intensiv mit dem Raum, seiner Geschichte und der daraus resultierenden regionalen Kleinteiligkeit beschäftigen - zweifellos eine Herausforderung, von der jedoch die Qualität der Beiträge entscheidend abhängt.

"Mord am Hellweg" hat eine literarische Regionalisierung in Gang gesetzt. Die an den fünf Festivals beteiligten Orte werden mittlerweile als "mörderischster Streifen Deutschlands" tituliert.  Sie haben so einen "neuen" Hellweg regionalisiert und den Grundstein für ein verändertes, ein "kriminelles" Image der Region gelegt. Die Region hat längst einen hervorragenden, wenn nicht sogar den ersten Platz auf der europäischen Krimilandkarte gefunden.